Samstag, 25. Mai 2013

Stein in der Mauer

Stellt euch mal folgende Situation vor: Ihr wandert, aus welchem Grund auch immer, an einer Kirche vorbei. Die Kirchenmauer ist ein paar mal so alt wie ihr und ihr sollt anhand von undurchsichtigen Angaben das Alter der Großmutter des Pfarrers bestimmen.
Völliger Käse, über Sinn und Unsinn von Matheunterricht lasse ich mich ein anderes Mal aus.

Ihr kommt also an dieser Kirchenmauer vorbei. Der Geist der Zeit sitzt in den Lücken zwischen den Steinen, die einstmals mit Sekundenkleber des achtzehnten Jahrhunderts gefüllt waren. Euch interessiert der Sekundenkleber aber nicht, immerhin gibt es jetzt Uhu Patafix.
Trotzdem bleibt ihr plötzlich verwundert stehen, euer Blick bleibt an einem kleinen Kiesel hängen, den jemand in eine Sekundenkleber-Lücke gesteckt hat.
Was soll das, fragt ihr euch und starrt den kleinen Stein irritiert an. War das etwa einer dieser modernen Künstler, die Schrottteile zusammenleimen und es als Sonnenblumenfeld bezeichnen?
Nein, nein.

Hier war eine duncelbunte Lady am Werk, auf der suche nach einem netten Motiv. Sie hockte da vor der Mauer, wühlte in den Kieseln bis sie den richtigen fand und schaute sich immer wieder nervös um, als täte sie etwas verbotenes.
Und das alles für den kurzen Moment, in dem sie die Kamera hob und den Auslöser betätigte.

Ja, genau. Wegen so einer verrückten Tante seid ihr vor der Mauer stehen geblieben. Habt nachgegrübelt und euch aus dem Alltag reißen lassen. Vielleicht ärgert ihr euch im Nachhinein darüber, dass ihr euch von solch Sinnlosigkeit die Zeit habt stehlen lassen.
Müsst ihr aber nicht. Es liegt in der Denkweise dieser westlichen Gesellschaft, deren Geißel ihr seid. Immer auf der Suche nach Merkwürdigkeiten, Absurditäten.
Nach etwas, von dem ihr berichten könnt.
Etwas, das euch noch eine Weile danach beschäftigt, wie ein gutes Buch und wie es die Lebensmittelskandale schon lang nicht mehr können.


Ein Teil von uns lechzt doch nach diesen komischen kleinen Dingen des Alltags, die uns in all der Übersättigung von Smartphones und schlechten Hollywood-Filmen noch etwas Hunger bereiten und vielleicht sogar ein kleines Lächeln auf die Lippen zaubern.

Mit den Gedanken noch bei dem Stein in der Mauer, der fast ein wenig herzförmig aussah, verabschiedet sich
Miss Duncelbunt.



1 Kommentar:

  1. Ein kleines Lächeln...
    Irgendwo hier im Universum hast du gerade einen Menschen zum lächeln und nachdenken gebracht. Und es ist schon fast eine kribbelnde Vorfreude im Bauch zu spüren, wenn ich mir die nächste Begegnung - irgendwann, früher oder später - mit einer Kirchenmauer vorstelle... Dann werde ich mich verstohlen davor setzen, nach einem Stein wühlen, und mich dabei so fühlen, als täte ich etwas verbotenes...
    Danke im Voraus, für diese Vorfreude, das Umsetzen und das Lächeln, das an diesem Moment - irgendwann, früher oder später - noch einmal kommen wird.

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